Montag, 21. September 2009

Opel NZZ 13.9.

Russland und China kaufen sich in Europa ein

General Motors verkauft Opel zu 27% an Russland. Und an Saab und Volvo sind chinesische Hersteller interessiert.
Susanne Ziegert, Berlin

Fast schien es, als wolle der Verhandlungsführer von General Motors eine Träne verdrücken. «Hätten wir mit unserem Herzen entschieden, wäre es anders ausgefallen. Doch wir mussten mit unserem Verstand entscheiden», kommentiert John Smith die Abgabe der Mehrheit von Opel an den Autozulieferer Magna und die russische Sberbank. 80 Jahre Firmengeschichte verbinden Opel mit GM. Doch der Mutterkonzern in Detroit kann das Geld für die Weiterführung des Unternehmens nicht aufbringen: Die Hilfe des amerikanischen Staates darf nicht ausserhalb der USA ausgegeben werden.
Lohnverzicht gegen Aktien

Der Rückzug von GM leitet eine Neuordnung in Europas Autobranche ein. Bis zuletzt hatten einige Topmanager von GM Bedenken gegen den Einstieg russischer Investoren. Doch die Aussicht auf die staatliche Mitgift der deutschen Regierung gab am Ende offenbar den Ausschlag für die Entscheidung. Der österreichisch-kanadische Autozulieferer Magna International und die russische Sberbank übernehmen nun jeweils zur Hälfte 55% der Firmenanteile an «New Opel», 35% verbleiben bei GM, und 10% der Anteile sollen künftig den Mitarbeitern gehören. Als Gegenleistung soll die Belegschaft laut Plan auf Lohnbestandteile in Höhe von 1,2 Mrd. € verzichten.

Noch stehen zähe Verhandlungen an: Magna-Gründer Frank Stronach hat harte Einschnitte angekündigt, um die tiefrote Zahlen schreibende Opel wieder konkurrenzfähig zu machen: Über 10 000 Stellen wollen die neuen Eigentümer abbauen - ein Viertel davon in Deutschland. Bis Ende November, kündigte GM-Verhandlungschef John Smith an, sollen die Verträge unterzeichnet werden. Nach dem Überbrückungskredit der deutschen Regierung über 1,5 Mrd. € sind weitere Hilfen in der Höhe von 3 Mrd. € zugesagt.

Ausgerechnet die Vertreter der Regierung und der Bundesländer in der Opel-Treuhand äussern sich kritisch zu den Plänen. Der langjährige Continental-Chef Manfred Wennemer hatte gegen das Konzept gestimmt: «Das ist keine Lösung, die Opel am Ende in ein wettbewerbsfähiges Unternehmen verwandelt. Es ist gut möglich, dass New Opel 2010 oder 2011 zum Insolvenzrichter gehen muss.»

Stattdessen sei politisch entschieden worden, das Risiko trage der Steuerzahler: Magna starte mit zu wenig Eigenkapital. «Nach den Plänen sollen 10% Eigenkapital eingebracht werden, doch selbst sogenannte Heuschrecken galten mit 25% Eigenkapital als unterkapitalisiert», so Wennemer. Zuversichtlicher gibt sich Autoexperte Ferdinand Dudenhöffer von der Universität Duisburg: «Dank dem russischen Partner Gaz öffnet sich für Opel ein Zukunftsmarkt.» Magna hat angekündigt, in Russland einen Marktanteil von 20% anzupeilen. Die Hoffnungen von Gaz ruhen auf Opel: Geplant ist ein gemeinsamer Wagen im Billigsegment.

«Das ist eine richtige Weichenstellung. Der Dacia Logan hat gezeigt, dass sich dieses Segment schnell entwickelt», so Dudenhöffer. Ein solches Modell könne in drei bis vier Jahren entwickelt werden und sich sowohl in Russland als auch in Westeuropa verkaufen. Daneben sieht Dudenhöffer Chancen für ein gemeinsames Offroadfahrzeug für den russischen Markt.

Chinesen buhlen um Saab, Volvo

Bei der früheren schwedischen GM-Tochter Saab richten sich die Hoffnungen jedoch gen China. In dieser Woche unterzeichnete der fünftgrösste chinesische Autohersteller, die Beijing Automotive Industrie Corporation (BAIC), eine Absichtserklärung über eine Beteiligung an der Koenigsegg Group.

BAIC soll mit 300 Mio. € die Finanzierungslücke des winzigen Sportwagenbauers bei der Saab-Übernahme schliessen. Wenn das Geschäft aufgeht, steigen die Chancen auf eine Bürgschaft von Schweden für einen Kredit der Europäischen Investitionsbank. Allerdings war BAIC zuvor schon als Opel-Interessent gescheitert. «Das Unternehmen ist ein Start-up, das 2008 nur 12 000 eigene Fahrzeuge gebaut hat und eine eigene Marke entwickeln will. BAIC hat weder die Grösse noch die Erfahrung für ein solches Vorhaben», so Ferdinand Dudenhöffer warnend. Die meisten der unter der Marke BAIC abgesetzten Wagen entstammen Joint Ventures mit Hyundai und Daimler. Mehr Chancen gibt er dem chinesischen Autobauer Geely, der um die Ford-Tochter Volvo wirbt. Geely verkaufte im letzten Jahr 221 000 Fahrzeuge und verspricht sich durch den Einstieg den Zugang zu moderner Technologie. «Damit könnte sich Geely in der Oberklasse positionieren», so Dudenhöffer. Der Einstieg würde den Chinesen den Eintritt in den westeuropäischen Markt erleichtern


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