NZZ am Sonntag
06. September 2009
15 Millionen Euro Abfindung für ein halbes Jahr Arbeit
Gescheiterte Manager lassen sich ihren Abgang vergolden. Das sorgt in Deutschland für hitzige Diskussionen.
Von Susanne Ziegert, Berlin
Er war die letzte Hoffnung der 50 000 Mitarbeiter des Arcandor-Konzerns. Im März versprach der neue Chef Karl-Gerhard Eick, «die Ärmel hochzukrempeln» und den Kaufhauskonzern aus der finanziellen Notlage zu befreien. Doch es gelang ihm nicht, das von den Vorgängern heruntergewirtschaftete Unternehmen zu retten. Weder die Umstrukturierung noch die Investorensuche glückte. In dieser Woche wurde das Insolvenzverfahren eröffnet, der erfolglose Chef trat zurück.
Im Gegensatz zu den Mitarbeitern hat er finanziell ausgesorgt. Für seinen exakt 185 Tage währenden Einsatz bekommt er eine Abfindung von 15 Mio. €. Diese Summe hatte der frühere Telekom-Manager vor seinem Antritt mit der Grossaktionärin, der Privatbank Sal. Oppenheim, ausgehandelt. Für jeden Arbeitstag erhält Eick somit 81 000 €, während sich der durchschnittliche deutsche Arbeitnehmer bei seinem Ausscheiden mit einem Monatsgehalt pro Jahr Betriebszugehörigkeit begnügen muss.
Merkel markiert Empörung
Die fürstliche Entlohnung für ein halbes Jahr Erfolglosigkeit hat heftige Kritik ausgelöst. Selbst Bundeskanzlerin Angela Merkel verlor die Contenance: «Wenn Manager nach einem halben Jahr Arbeit mit 15 Mio. € abgefunden werden, dann geht etwas kaputt ins unserem Land», kritisierte sie.
«Ich bin nicht gierig, aber auch nicht blöd», verteidigte sich Eick: «Niemand hätte so eine Aufgabe ohne Absicherung angenommen.» Der gescholtene Manager kündigte mittlerweile an, er wolle ein Drittel der Summe seinen ehemaligen Mitarbeitern spenden.
Mildtätig hatte sich auch der frühere Porsche-Chef Wendelin Wiedeking gezeigt, dessen Abgang im Juli mit einer Abfindung von 50 Mio. € versüsst wurde: Er spendet die Hälfte der Summe - 1,5 Mio. € davon für «notleidende Journalisten im Alter». Während seiner Tätigkeit war Wiedeking Spitzenverdiener in Europa - mit einer Vergütung von 77 Mio. € im letzten Jahr. Im Gegensatz zu Eick hat er seine Firma jedoch saniert und zum profitabelsten Autohersteller getrimmt.
Doch am Ende hatten er und Finanzchef Holger Härter, der mit 12,5 Mio. € verabschiedet wurde, Porsche ins Abseits manövriert. Der Sportwagenbauer pokerte beim Übernahmeangriff auf Volkswagen zu hoch - kurzzeitig drohte gar die Zahlungsunfähigkeit. Die trickreiche Attacke auf VW hat die Staatsanwaltschaft Stuttgart auf den Plan gerufen: Sie ermittelt wegen des Verdachts auf Marktmanipulation und des Verdachts der Weitergabe von Insiderinformationen. Kürzlich durchsuchten Ermittler den Firmensitz und die Privatdomizile der Ex-Vorstände. Die Auswertung des Materials werde mindestens sechs Monate dauern, schätzt Staatsanwältin Claudia Krauth.
Schadenersatzklagen drohen
Mehrere Anwaltskanzleien sammeln Material für mögliche Schadensersatz-klagen von Anlegern. «Es geht darum, ob gesetzliche Informationspflichten verletzt wurden, relevante Ereignisse verschwiegen oder falsch dargestellt wurden und so gegen das Wertpapierhandelsgesetz verstossen wurde», erklärt der Anwalt Felix Weigand von der Münchner Kanzlei Rotter. Wenn solche Pflichtverletzungen nachgewiesen werden, sieht er «Schadenersatzansprüche im dreistelligen Millionenbereich» auf die Holding zukommen. Die hohe Abfindung hält Weigand hingegen juristisch nicht für anfechtbar. Bei einer Schadenersatzzahlung durch Porsche könnten die Ex-Vorstände jedoch zur Kasse gebeten werden.
Bei den Summen, die gescheiterte Manager heute kassieren, verblassen die rund 30 Mio. € Abfindung, die der Ex-Mannesmann-Chef Klaus Esser einstrich. Empörung hatte auch der goldene Handschlag an den ehemaligen Postchef Klaus Zumwinkel ausgelöst, der wegen der Steueraffäre zurücktrat. Obwohl die Post hohe Verluste schrieb, hatte er sich seine Pension von 20 Mio. € auf einmal auszahlen lassen. Nahezu bescheiden nimmt sich da die Zahlung an den Bahnchef Hartmut Mehdorn aus, der nach der Spitzelaffäre und dem monatelangen Chaos wegen defekter Zug-Achsen seinen Hut nahm und bei seinem Abgang «nur» 4,8 Mio. € erhielt.
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